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Der Pflanzenschutzknigge

Junge DLG Impulse 1/2020

Man denkt an nichts Böses …

Ihr Mitarbeiter rollt stolz vom Hof, um die neue Spritze lediglich mit reinem Leitungswasser erstmals zu testen. Minuten später klingelt Ihr Telefon und ein Beamter meldet sich mit ernstem Ton, dass eine Anzeige wegen einer unzulässigen Pflanzenschutzmittelausbringung gegen Sie vorliegt, Sie die Maßnahme unverzüglich einstellen müssen und mit einem Verfahren rechnen müssen … Sie fallen aus allen Wolken.

Im Spätsommer bereitet sich eine Familie in ihrem Vorgarten auf ein gemütliches, abendliches Grillfest mit reichlich Besuch aus der Nachbarschaft vor. Grillfleisch und Beilagen sind appetitlich auf dem großen Tisch platziert. Auf einmal taucht nur wenige Meter hinter der Hecke ein Trecker mit einer Spritze auf dem komplett unbewachsenen Acker auf und hüllt das Grundstück für den Rest des Abends in eine Duftglocke mit Lösungsmittelgeruch ein … die Familie fällt aus allen Wolken.

Solche Fälle ereignen sich so oder ähnlich in Deutschland in jedem Jahr wieder. Beide Fälle sind für die Betroffenen sehr unangenehm. Beide Fälle wären vermeidbar gewesen. Wie können wir als Branche diesen Vorfällen vorbeugen?

Vermeiden Sie Stress – für alle

Der Pflanzenschutzknigge orientiert sich an dem „kleinen Knigge für Feld und Flur“ (siehe JungeDLG Impulse 1/2018) und konzentriert sich auf die Belange rund um die Applikation von Pflanzenschutzmitteln, Flüssigdüngern und Pflanzenstärkungsmitteln. Es geht in diesem Konzept nicht darum, die Anwendung von Pflanzenschutzmittel vor der Gesellschaft zu verbergen.

Nachbar, Anwohner oder Spaziergänger können sich durch den Anblick einer Feldspritze, die Geräusche oder die Gerüche nach der Applikation gestört fühlen und es gilt dieser Situation mit ausreichender Sensibilität zu begegnen.

Pflanzenschutzmaßnahmen erzeugen grundsätzlich mehr Aufmerksamkeit als andere Maßnahmen auf dem Acker. Der Pflanzenschutzknigge soll Ihnen helfen, vermeidbare Störungen der Anwohner zu minimieren. Die Einhaltung aller rechtlichen Bestimmungen wird beim Pflanzenschutzknigge vorausgesetzt.

Häufig kann nach Beschwerden und Anzeigen durch Anwohner kein Fehler des Anwenders festgestellt werden. Dennoch müssen Sie in einer Zeit der Arbeitsspitzen Zeit zur Beantwortung der Anzeige investieren, obwohl Sie nichts falsch gemacht haben. Vom unnötigen Stress mal ganz abgesehen …

Applikationskarten für Anwohnerbelange

Bei jeder Applikationsplanung haben die meisten Anwender im Hinterkopf, welche Fläche an Wohngebiete, Schulen usw. angrenzen und nehmen unterbewusst Rücksicht. Man kann dieses Maß an Empathie bei der Abarbeitung der Pflanzenschutzapplikationen allerdings noch weiter professionalisieren und für den gesamten Betrieb in ein festes Konzept gießen.

Unterteilen Sie Ihre Flächen in mehrere Kategorien, die sich an den angrenzenden Grundstücken der einzelnen Flächen orientieren. Die jeweilige Kategorie-Bezeichnung ist Ihnen überlassen. Es bieten sich z. B. die drei Farben rot, gelb und grün an und werden daher bei den weiteren Ausführungen genutzt. Falls Ihnen eine Farbeinteilung nicht zusagt, können Sie auch auf +, o, – oder Emojis zurückgreifen.

Die Ampel der Empathie

Grüne Flächen sind Flächen, an die keine bebauten Grundstücke angrenzen bzw. an denen sich in der Regel keine Personen aufhalten. Auf diesen Flächen können Sie Ihre Applikationen wie gewohnt durchführen. Der Termin wird nur von den Anwendungsbestimmungen, Umweltfaktoren und den Arbeitsabläufen bestimmt.

An gelben Flächen halten sich auf den Nachbargrundstücken zu bestimmten Tageszeiten Personen auf, wie zum Beispiel Gewerbeflächen, Supermarktparkplätze und so weiter. Haben Sie bei der Planung Ihrer Applikationen im Hinterkopf, wann sich viele Personen auf den Nachbargrundstücken aufhalten. Vermeiden Sie die Applikation während der Hauptarbeitszeiten an Werktagen. Diese Flächen bieten sich für einen Termin am späten Abend, in der Nacht oder am Wochenende an. Hierbei können Sie noch zwischen Gewerbegebieten mit Werkshallen, bei denen sich nur selten Personen im Freien aufhalten und Bürogebäuden mit großen Glasfronten, bei denen Ihnen unter Umständen viele Personen zusehen, unterscheiden.

Besonderes Fingerspitzengefühl und umsichtige Planung sind auf roten Flächen angesagt. Hierunter fallen Wohngebiete, Spielplätze, Schulen, Kindergärten, Altenheime, Sportplätze, Badeseen, Liegewiesen und andere Flächen, auf denen sich das Privatleben oder die Freizeit von uns allen abspielt. Rote Flächen sind sehr spezifisch zu beplanen. Wenn die Eltern arbeiten und die Kinder zur Schule gefahren sind, können Sie ohne größere Störung der Anwohner Ihre Maßnahme an Wohngebieten durchführen. Applizieren Sie hier an Werktagen vormittags und vermeiden Sie eine Applikation am Nachmittag, am Abend, in der Nacht und an Wochenenden. Schulen und Kitas sollten Sie wiederum am Abend, nachts oder am Wochenende passieren. Sportplätze, die möglicherweise auch für den Sportunterricht genutzt werden, sind zu den Trainingszeiten in der Woche und den Spielzeiten am Wochenende zu meiden. Wie Sie sehen, ergeben sich auch zwischen den einzelnen roten Gebieten unterschiedliche Zeitfenster zur Applikation, die Ihnen zeitlichen Spielraum bieten.

Do’s and Don’ts

Die folgenden Tipps sind größtenteils einfach umsetzbar und auch ohne Umsetzung des oben beschriebenen Flächenkonzeptes anwendbar:

  • Minimieren Sie die Anzahl an Überfahrten mit Ihrem Pflanzenschutzgerät. Jede Überfahrt ist eine potenzielleBelästigung für Anwohner und kann zu einer Konfrontation, Beschwerde oder Anzeige führen. Führen Sie wenige Applikationen mit potenten Aufwandmengen durch, anstatt im engen Zeitabstand geringe Wirkstoffdosen auszubringen und kombinieren Sie Maßnahmen wenn möglich zu Tankmischungen.
  • Lokalisieren Sie Ihre Greeningflächen möglichst an sensiblen (roten) Gebieten. Wählen Sie Flächen an Wohngebieten und Schulen bevorzugt für Greeningstreifen usw. aus, um den Abstand zur behandelten Fläche zu maximieren. Eine bunte, summende Bienenweide direkt am Grundstück wird die Nachbarn zusätzlich erfreuen.
  • Auch wenn die Windgeschwindigkeit gering sein sollte, kann es durch die Windrichtung zu einer starken Geruchsbelästigung der Anwohner kommen. Woher weht der Wind?!?
  • Feiertage sind immer heikle Tage für eine Pflanzenschutzmittelapplikation. Je nach Region sind am 1. Mai, Christi Himmelfahrt oder Pfingsten viele Ausflügler unterwegs und schlagen Routen ein, die normalerweise menschenleer sind. Gönnen Sie Ihrer Spritze möglichst auch einen freien Tag.
  • Falls sich eine Applikation an sensiblen Flächen länger hinzieht, behandeln Sie zumindest die Bereiche, die direkt an diese Flächen angrenzen, zu einem günstigen Zeitpunkt.
  • Befüllen Sie Ihr Pflanzenschutzgerät nicht in Sichtweite sensibler Flächen. Der Anblick der PSA des Anwenders und die Kanister lösen bei einem Laien aus nachvollziehbaren Gründen diffuse Ängste aus.
  • Wählen Sie mindestens auf Ihren roten Flächen möglichst gesunde und konkurrenzstarke Sorten der Kultur aus, um den Fungizid- und Herbizidbedarf zu senken.
  • Bauen Sie pflanzenschutzintensive Kulturen (z. B. Kartoffeln, Raps) möglichst selten auf roten Flächen an.
  • Der Fahrzeugführer sollte darin geschult sein, wie man die Applikation gegenüber Laien verständlich erklärt. Seien Sie jederzeit für Ihren Mitarbeiter erreichbar und lassen Sie ihn nicht in einer schwierigen Situation allein.
  • Unterteilen Sie Flächen, um die Größe roter Flächen zu verkleinern. Dichte Hecken und Baumreihen zwischen den Ackerflächen und Grundstücken reduzieren die Störung der Anwohner zusätzlich.
  • Nehmen Sie die Sorgen der Anwohner ernst und gehen Sie auf Anfragen offen ein. Kein Mensch kann in allem Experte sein.

Wenn wir uns mit Berufskollegen austauschen, geht es uns wie Anglern und Jägern. Wir sprechen unser eigenes Latein, das eher salopp daherkommt. Diese Begriffe rutschen uns aber auch im Austausch mit Außenstehenden gelegentlich heraus und sorgen für Irritation. Bemühen Sie sich daher immer auch im Austausch mit Kollegen um eine Ausdrucksweise, die unserem hohen Grad an Professionalität im Bereich Pflanzenschutzmittelapplikation auch gerecht wird.

Autor:
Thies Schmoldt, Syngenta Agro GmbH, Vorpommern-Greifswald,
Mitglied des Ausschusses für Öffentlichkeitsarbeit der Jungen DLG

Bildquellen:
Grafik der Fläche: Jule Krause, Agricon GmbH, Grafik: Carolin Schäfer, Agrarmarketing Detailreich,
Mitglied des Ausschusses für Öffentlichkeitsarbeit der JungenDLG
Restliche Grafiken: DLG